Valerie Schmiedecker 0660 5294835 - Lisa Grünberger 0676 9608367 - Miriam Braunstätter 0676 6604792
Einführung in Theorie und Praxis - Maria Montessori

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Diese verständlich geschriebene Einführung bietet »Einsteigern« eine zuverlässige Orientierungshilfe. Die Autoren führen anschaulich 514dutgyivl-_sx377_bo1204203200_

und pointiert in die theoretischen Grundlagen ein, stellen das Menschenbild Maria Montessoris, ihre lern- und
entwicklungspsychologischen Entdeckungen sowie Überzeugungen kenntnisreich dar. Ein Schwerpunkt liegt auf der umfassenden Darstellung der Montessori-Praxi

Das freie Spiel - Emmi Piklers und Maria Montessoris

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Dieses Buch beinhaltet eine wissenschaftliche Auseinandersetzung der Reformpädagogik Emmi Piklers und Maria Montessoris im Bereich des freien Spiels. Ziel der Untersuchung ist es, die von Emmi Pikler und Maria Montessori entwickelten Richtlinien…

 

Wikipedia:

Emmi Pikler wurde in ihren pädagogischen Überzeugungen bestärkt, als sie 1935 in Budapest durch Elfriede Hengstenberg die Arbeitsweise Elsa Gindlers und Heinrich Jacobyskennenlernte. Elfriede Hengstenberg hatte 1931 aufgrund der Erkenntnisse Gindlers und Jacobys darauf hingewiesen, wie notwendig es sei, die naturgegebenen Gesetzmäßigkeiten der kindlichen Entwicklung zu erforschen, um dem Kind seine ursprünglichen Fähigkeiten und Kräfte zu erhalten. Gindler und Jacoby hatten in den 1920er Jahren erkannt, in welchem Ausmaß die übliche Säuglings- und Kleinkindererziehung die Initiative der Kinder behindert, ihre Ausdrucksfähigkeit verkümmern lässt und unselbständige, ungeschickte, bewegungs- und haltungsgeschädigte Menschen aus ihnen macht. Auch unser weitgehend gestörtes Verhältnis zum Arbeiten und Lernen war für sie eine Folge der fehlenden Kenntnis der Natur des Menschen. Die Ergebnisse der praktischen und wissenschaftlichen Arbeit Emmi Piklers haben wiederum die Vorstellung Gindlers und Jacobys von der Möglichkeit einer ungestörten Entfaltung des Kindes bestätigt.

A Cowboy Story - Miriam Braunstätter

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41jpbgrzcil-_sx314_bo1204203200_Jennys beschauliches Leben auf der Ranch ihrer Eltern wird gehörig durcheinander gebracht. Nicht nur in der Schule geht es drunter und drüber, da ist auch noch dieses mysteriöse neue Pferd das sie trainieren soll. Ausgerechnet jetzt stellt ihr Vater diesen arroganten Cowboy ein. Mit seiner überheblichen Art bringt er Jenny immer wieder zur Weißglut. Als aber bei einem Viehtrieb ein Kalb verloren geht, müssen sich die beiden wider Willen gemeinsam auf die Suche machen. Schaffen sie es, sich zusammenzuraufen und ihre Feindschaft zu begraben? Und dann ist da auch noch Jennys eifersüchtiger Ex Freund, der offenbar vor nichts zurückschreckt, um sie wieder für sich zu gewinnen…

Natürlich schönsein - Margot Hellmiß
Lasst mir Zeit - Emmi Pikler
Friedliche Babys - Emmi Pikler
Zufriedene Mütter - Emmi Pikler
Miteinander Vertraut werden - Emmi Pikler
Dein Baby zeigt dir den Weg - Magda Gerber
Ein guter Start ins Leben - Magda Gerber
Warum Babys weinen - Aletha J. Solter
Wüten, toben, traurig sein - Aletha J. Solter
Auch kleine Kinder haben großen Kummer - Aletha J. Solter
Mein Baby entdeckt sich und die Welt - Monika Aly
Entfaltungen - Elfriede Hengstenberg
Das Geheimnis der ersten neun Monate - Gerald Hüther und Inge Krens
Vorsicht Bildschirm - Manfred Spitzer
Das Beta-Kind - Michael Millner
Eindruck braucht Ausdruck

Eindruck braucht Ausdruck

Andrea Siegrist

 

„Ist doch nicht so schlimm!“, „Sei doch nicht so eine Heulsuse!“, „Wenn du nicht sofort aufhörst, gebe ich dir einen Grund zu weinen!“ Manche Eltern ertappen sich bei den gleichen Redensarten, die ihre Eltern gebrauchten, wenn sie als Kind weinten.

 

Emotionale Probleme, Verhaltensauffälligkeiten oder stressbedingte Krankheiten werden nicht durch den Stress selbst verursacht, sondern durch die Unterdrückung des natürlichen Heilungsmechanismus. Vor allem das Weinen und Wüten – jene Verhaltensweisen, die den Erwachsenen am meisten Probleme machen – dienen dem Zweck, das körperliche und psychologische Gleichgewicht nach belastenden Ereignissen wiederherzustellen. Alice Miller schreibt über emotionale Störungen wie Neurosen: „Nicht das Trauma selbst ist die Quelle der Krankheit, sondern die unbewusste, unterdrückte, hoffnungslose Verzweiflung darüber, nicht ausdrücken zu dürfen, was man gelitten hat.“

 

Kinder heilen sich selbst durch Weinen und Wüten von Angst einflößenden oder frustrierenden Erfahrungen, die sie kurz zuvor gemacht haben. Ein Kind, das sich (in den sicheren Armen seiner Mutter) über einen bellenden Hund ausgeweint hat, wird anderen Hunden vielleicht mit Vorsicht begegnen, aber es wird beim Anblick eines Hundes nicht mehr sofort in Panik geraten. Ein Mann, der in der Therapie über seine alkoholkranke Mutter weinen und seinen Zorn über sie ausdrücken kann, reagiert vielleicht immer noch gereizt, wenn seine Frau zu spät kommt, aber er wird keinen Wutanfall mehr bekommen. Es ist erwiesen, dass Menschen, die in ihrer Kindheit schon bald nach traumatischen Erfahrungen über das Erlebte weinen können, emotional gesünder sind und weniger Probleme in ihren Beziehungen haben.

 

Alle Kinder erleben Stress, ganz gleich wie liebevoll ihre Eltern mit ihnen umgehen. Stress ist alles, was den Körper aus seinem natürlichen Gleichgewicht bringt. Es kann nicht jeder Stress vermieden werden. Es ist nicht unsere Aufgabe unsere Kinder unbedingt und in jedem Fall davor zu bewahren, sondern ihnen zu helfen, mit den daraus resultierenden Gefühlen fertig zu werden.

 

Weinen und Wüten sind äußerst effektive Methoden, Spannung abzubauen und Blutdruck und Pulsfrequenz zu senken. Eine tiefe Entspannung folgt. Das aufmerksame Zuhören der Bezugsperson bei Tränenausbrüchen und Wutanfällen fördert die Beziehung zum Kind, unterstützt die physische und psychische Gesundheit, verbessert die Konzentration und Lernfähigkeit und trägt entscheidend zur Verhütung von Disziplinproblemen, Hyperaktivität und schädlichen Verhaltensweisen (Gewalt) gegenüber anderen bei. Ein weiterer positiver Effekt dieser Haltung ist, dass sie bei Schlafproblemen helfen kann.

 

Analysen haben ergeben, dass sich in den Tränen ACTH (adrenocorticotropes Hormon) und andere mit Stress zusammenhängende Substanzen befinden, die durch das Weinen ausgeschieden werden und somit den Glukokortikoidspiegel senken. Weinen dient also wie Urinieren, Defäkieren, Ausatmen, Menstruieren und Schwitzen dazu, Abfallprodukte aus dem Körper auszuscheiden.

 

Wenn der Schmerz des Kindes heruntergespielt oder verharmlost wird, wenn das Kind abgelenkt, bestraft oder zum Lachen gebracht wird, vermittelt ihm das das Gefühl, nicht verstanden zu werden. Werden Kinder nur dann geliebt und bestätigt, wenn sie lächeln und glücklich sind, lernen sie einen Teil ihres Selbst zu verleugnen und zu unterdrücken, um den Erwachsenen zu gefallen. Schließlich gewinnen sie den Eindruck, dass ihre innersten Gefühle nicht akzeptabel seien, nicht einmal für sie selbst. Deshalb können Kinder kein stabiles Selbstwertgefühl entwickeln, wenn ihre Gefühle und deren emotionaler Ausdruck nicht voll anerkannt werden.

 

Wenn Erwachsene nachgeben, nachdem ein Kind lange gejammert und gebettelt hat, hindern sie es daran, sich einmal richtig auszuweinen und von seinem Stress zu befreien. Die Folge des Nachgebens ist meistens, dass das Kind immer fordernder wird, weil es nie Gelegenheit hatte, seine aufgestauten Gefühle durch Weinen und Wüten abzubauen. Dieses Kind wird schon bald neue Gründe finden, um zu weinen und zu betteln, und das wird immer so weitergehen, bis ihm erlaubt wird, ungehindert zu weinen. Das ist der Grundmechanismus, der bewirkt, dass Nachgiebigkeit Kinder ständig fordern und aufsässig werden lässt. Wirkliche Bedürfnisse sollten erfüllt werden, aber wenn die Forderungen eines Kindes unvernünftig werden oder es auf etwas beharrt, von dem es weiß, dass es auch sonst nicht erlaubt ist, hat es vermutlich das Bedürfnis sich von aufgestauten Gefühlen zu entlasten. Quengeln ist meistens ein Zeichen dafür, dass das Bedürfnis zu weinen nicht erfüllt wurde. Es ist der – nicht erfolgreiche – Versuch zu weinen. Manche Eltern finden das Quengeln irritierender als ein ungehemmtes Weinen, vor allem, wenn es den ganzen Tag anhält.

 

Ausgiebiges Weinen oder ein Wutanfall sind als solche nicht angenehm. Tatsächlich kann es ziemlich schwierig und emotional anstrengend sein, einen solchen Ausbruch mit einem Kind zusammen durchzustehen. Doch ein Kind, das intensiv geweint hat oder einen Wutanfall hatte, ist anschließend meist glücklich, entspannt, kooperativ, anspruchslos, friedlich und selbstgenügsam. Die Verwandlung ist manchmal erstaunlich: Aus einem fordernden, weinerlichen, gelangweilten, launischen, klammernden, aufsässigen oder aggressiven Kind wird plötzlich ein unbeschwertes Kind, mit dem das Zusammensein eine wahre Freude ist.

 

Wenn Kinder weinen oder wüten, werden bei den Erwachsenen oft eigene starke Gefühle ausgelöst. Manche Erwachsenen empfinden tiefe Sorge, Mitgefühl oder Kummer, andere fühlen sich ohnmächtig, schuldig oder inkompetent oder verspüren gewalttätige Impulse. Diese starken Emotionen haben ihren Ursprung oft in der Kindheit. Die Unterdrückung des Weinens und Wütens wird von Generation zu Generation weitergegeben. Das bedeutet, die meisten Menschen tragen viele eigene unbewältigte belastende und traumatische Erfahrungen mit sich herum. Wenn sie ein Kind weinen hören, kann das die unbewusste Erinnerung an ihren eigenen Kindheitsschmerz auslösen. Außerdem kann die unbewusste Erinnerung an die Reaktion der eigenen Eltern auf unser Weinen als Kind wach werden. Wir neigen dazu, ebenso unangemessen zu reagieren, wie wir es selbst erlebt haben. Es erfordert eine bewusste Anstrengung, es anders zu machen. Schämen Sie sich nicht darüber, wenn Sie gelegentlich Ärger oder Groll Ihrem Kind gegenüber verspüren oder den Drang, ihm etwas anzutun, aber versuchen sie alles, dem nicht nachzugeben.

 

Das Leben wird viel leichter, wenn die Eltern weinender und wütender Kinder erkennen, dass es kein augenblickliches Problem gibt und sie nichts anderes tun müssen, als bei ihrem Kind zu sein und seine Gefühle ernst zu nehmen. „Du bist ganz traurig, weil die schöne Muschel zerbrochen ist.“, „Du bist wütend, weil ich dir nicht erlaubt habe diesen Film anzuschauen.“, „Du hast Angst, wenn es dunkel ist.“, „Das tut wirklich weh, nicht wahr?“ Mit solchen und ähnlichen Aussagen fühlen sich Kinder wahrgenommen und verstanden.

 

Das Bedürfnis zu weinen baut sich allmählich auf, bis der Drang nach Entlastung so stark ist, dass fast alles Tränen auslösen kann. Der Ausbruch scheint dann durch die augenblickliche Situation oft völlig ungerechtfertigt. Manche Eltern glauben, Kinder wollten sie mit Weinen oder Wutanfällen manipulieren und sie glauben, sie hätten nur zwei Möglichkeiten: entweder nachzugeben und dem Kind alles zu erlauben, oder sie dazu zu bringen mit dem inakzeptablen Weinen und Wüten aufzuhören. Wenn Erwachsene verstehen, dass das Weinen ein echtes Bedürfnis ist, können sie den Ausbruch als notwendige Entlastung von aufgestauten Gefühlen akzeptieren. Wenn Kinder eine traumatische Erfahrung gemacht haben, suchen sie manchmal irgendwelche Auslöser oder Vorwände, um heftig weinen zu können, zum Beispiel kann ein Kind noch Wochen nach einem Krankenhausaufenthalt ungewöhnlich heftig über Kratzer und kleinere Verletzungen weinen. Es ist wichtig, dass Kinder niemals das Gefühl bekommen, für ihr Weinen oder Wüten bestraft zu werden.

 

Wenn Kinder ihre Eltern, Geschwister, Mitschüler oder sich selbst schlagen, versuchen sie sich von heftigen Emotionen zu befreien. Kinder, die Gewalt ausüben, leiden immer an schmerzlichen Gefühlen. Es ist wichtig zu wissen, dass Kinder unsere Liebe und Aufmerksamkeit am meisten dann brauchen, wenn sie es durch ihr Verhalten scheinbar am wenigsten verdienen. Liebevolles Halten ist empfehlenswerter als Isolation oder Entzug von Aufmerksamkeit (zum Beispiel aufs Zimmer schicken), denn Kinder erleben dies als Form von Strafe. Sie fühlen sich zwangsläufig, als hätten sie etwas falsch gemacht, als wären sie „schlecht“, wenn sie weinen oder wüten. Dieser Entzug von Liebe und Aufmerksamkeit zu einer Zeit, wo sie genau das am meisten bräuchten, schwächt ihre Selbstachtung, denn ein Teil von ihnen – das Bedürfnis, sich von starken Emotionen zu entlasten – wird abgelehnt. Kinder brauchen bedingungslose Akzeptanz und nicht irgendeine Aufmerksamkeit, die davon abhängt, wie sie sich gerade fühlen.

 

(Aus dem Buch: Auch kleine Kinder haben großen Kummer. Über Tränen, Wut und andere starke Gefühle. Aletha J. Solter. Kösel, München 2011, 7. Auflage)

DIE PINGUIN-GESCHICHTE ODER: WIE MAN SICH IN SEINEM ELEMENT FÜHLT

DIE PINGUIN-GESCHICHTE ODER: WIE MAN SICH IN SEINEM ELEMENT FÜHLT 

Diese Geschichte ist mir tatsächlich passiert. Ich war als Moderator auf einem Kreuzfahrtschiff engagiert. Da denkt jeder: „Mensch toll! Luxus!” Das dachte ich auch. Bis ich auf dem Schiff war. Was das Publikum angeht, war ich auf dem falschen Dampfer. Die Gäste an Bord hatten sicher einen Sinn für Humor, ich hab ihn nur in den zwei Wochen nicht gefunden. Und noch schlimmer: Seekrankheit hat keinen Respekt vor der Approbation. Kurzum: ich war auf der Kreuzfahrt kreuzunglücklich.

Endlich! Nach drei Tagen auf See, fester Boden. „Das ist wahrer Luxus!” Ich ging in einen norwegischen Zoo. Und dort sah ich einen Pinguin auf seinem Felsen stehen. Ich hatte Mitleid: „Musst du auch Smoking tragen? Wo ist eigentlich deine Taille? Und vor allem: hat Gott bei dir die Knie vergessen?” Mein Urteil stand fest: Fehlkonstruktion.

Dann sah ich noch einmal durch eine Glasscheibe in das Schwimmbecken der Pinguine. Und da sprang „mein“ Pinguin ins Wasser, schwamm dicht vor mein Gesicht. Wer je Pinguine unter Wasser gesehen hat, dem fällt nix mehr ein. Er war in seinem Element! Ein Pinguin ist zehnmal windschnittiger als ein Porsche! Mit einem Liter Sprit käme der umgerechnet über 2500 km weit! Sie sind hervorragende Schwimmer, Jäger, Wasser-Tänzer! Und ich dachte: „Fehlkonstruktion!” Diese Begegnung hat mich zwei Dinge gelehrt. Erstens: wie schnell ich oft urteile, und wie ich damit komplett daneben liegen kann. Und zweitens: wie wichtig das Umfeld ist, ob das, was man gut kann, überhaupt zum Tragen kommt.

Wir alle haben unsere Stärken, haben unsere Schwächen. Viele strengen sich ewig an, Macken auszubügeln. Verbessert man seine Schwächen, wird man maximal mittelmäßig. Stärkt man seine Stärken, wird man einzigartig. Und wer nicht so ist, wie die anderen sei getrost: Andere gibt es schon genug! Immer wieder werde ich gefragt, warum ich das Krankenhaus gegen die Bühne getauscht habe. Meine Stärke und meine Macke ist die Kreativität. Das heißt, nicht alles nach Plan zu machen, zu improvisieren, Dinge immer wieder unerwartet neu zusammen zu fügen. Das ist im Krankenhaus ungünstig. Und ich liebe es, frei zu formulieren, zu dichten, mit Sprache zu spielen. Das ist bei Arztbriefen und Rezepten auch ungünstig. Auf der Bühne nutze ich viel mehr von dem was ich bin, weiß, kann und zu geben habe. Ich habe mehr Spaß, und andere haben mit mir mehr Spaß. Live bin ich in meinem Element, in Flow!

Menschen ändern sich nur selten komplett und grundsätzlich. Wenn du als Pinguin geboren wurdest, machen auch sieben Jahre Psychotherapie aus dir keine Giraffe. Also nicht lange hadern: Bleib als Pinguin nicht in der Steppe. Mach kleine Schritte und finde dein Wasser. Und dann: Spring! Und Schwimm! Und du wirst wissen, wie es ist, in Deinem Element zu sein

Aus: http://www.hirschhausen.com/glueck/die-pinguingeschichte.php

Auch kleine Kinder haben großen Kummer. Über Tränen, Wut und andere starke Gefühle.

Auch kleine Kinder haben großen Kummer. Über Tränen, Wut und andere starke Gefühle.

Aletha J. Solter. Kösel, München 2011, 7. Auflage

Zusammengefasst von Andrea Siegrist

TEIL I: Einige Informationen über Tränen und Wutausbrüche

Die Autorin beschäftigt sich seit 25 Jahren mit dem Thema „Tränen und Wutausbrüche“,

jenen Verhaltensweisen, die Eltern am meisten Schwierigkeiten bereiten. Sollen sie beruhigen,

ignorieren, ablenken, bestrafen, dem Kind „nachgeben“ oder mitfühlend zuhören?

Entgegen jahrhundertealten Ratschlägen, Kinder einfach alleine weinen zu lassen, was

ihnen Schaden zufügte, gibt es nun die Empfehlung für Eltern, auf jeden Schrei mit liebevoller

Zuwendung zu reagieren und das Baby durch Stillen und Wiegen zur Ruhe zu bringen.

Dieser Ansatz, so liebevoll er scheinen mag, übersieht aber die wichtige Funktion des

Weinens. Außerdem belastet er die Eltern über Gebühr, weil sie glauben, es sei ihre Aufgabe

Babys und Kinder am Weinen zu hindern.

Nicht jedes Weinen ist ein Zeichen für ein unbefriedigtes Bedürfnis. Oft stellt das Weinen

einen natürlichen Entspannungsprozess dar, mit dem Kinder sich selbst von Angst einflößenden

oder frustrierenden Erfahrungen heilen, die sie kurz zuvor gemacht haben. Kinder

benutzen Tränen und Wutanfälle um Traumen zu bewältigen und Spannungen abzubauen.

Schreien und Wüten soll deshalb nicht unterbunden werden, denn diese Verhaltensweisen

gehören von Geburt an zu den kindlichen Grundbedürfnissen und es ist wichtig, dass wir

ihre heilsame Wirkung verstehen. Wir helfen Kindern damit nicht nur, Traumen zu bewältigen

und Stress abzubauen, sondern tragen auch entscheidend zur Verhütung von Disziplinproblemen,

Hyperaktivität und schädlichen Verhaltensweisen (Gewalt) gegenüber anderen

bei. Außerdem unterstützt Weinen die physische und psychische Gesundheit und

verbessert die Konzentration und Lernfähigkeit. Ein weiterer positiver Effekt dieser Haltung

ist, dass sie bei Schlafproblemen helfen kann (ohne das Kind zu ignorieren). Und nicht zuletzt

fördert das Zuhören bei Tr.nenausbrüchen und Wutanfällen die Eltern-Kind-Beziehung.

Alle Kinder erleben Stress, ganz gleich wie liebevoll ihre Eltern mit ihnen umgehen. Stress

ist alles, was den Körper aus seinem natürlichen Gleichgewicht bringt. Es gibt physische

und psychische Stress-Auslöser. Wir sollten alles tun, den Stress im Leben unserer Kinder

zu verringern, aber wir müssen uns auch im Klaren sein, dass nicht jeder Stress vermieden

werden kann. Wir können unsere Kinder nicht vom Leben fern halten und Lernen und

Heranwachsen beinhalten immer auch ein gewisses Maß an Schmerz, Schwierigkeiten

und Frustrationen. Es ist nicht unsere Aufgabe unsere Kinder unbedingt und in jedem Fall

davor zu bewahren, sondern ihnen zu helfen, mit den daraus resultierenden Gefühlen fertig

zu werden. Glücklicherweise können Kinder Stress mittels Reden, symbolischem Spielen,

Lachen – und Weinen (Wutausbrüche eingeschlossen) gut bewältigen. Zusätzlich helfen

auch noch Gähnen, Zittern und Schwitzen.

Laut Untersuchungen ist Weinen ein körperlicher Erregungszustand, auf den eine tiefe

Entspannung folgt. Weinen ist eine äußerst effektive Methode, Spannung abzubauen und

Blutdruck und Pulsfrequenz zu senken. Vermutlich hilft die beim Weinen freigesetzte Energie,

etwas von der Kraft zu verbrauchen, die für unsere körperliche Verteidigung in Gefahrensituationen

vorgesehen ist, wo Weglaufen und Kämpfen aber unangemessen sind.

Die Formulierung „dieser Film hat mich sehr bewegt“ gibt wieder, dass unsere ungehemmte,

primitive Reaktion auf starke Gefühle darin besteht, körperlich aktiv zu werden. Weinen

und Wüten sind in der Tat sehr aktive Prozesse, die den ganzen Körper einbeziehen. Kinder

treten mit den Fü.en, schlagen mit den Armen um sich und wenden dabei viel Körperkraft

auf.

Analysen haben ergeben, dass sich in den Tränen ACTH (adrenocorticotropes Hormon)

und andere mit Stress zusammenhängende Substanzen befinden, die durch das Weinen

ausgeschieden werden und somit den Glukokortikoidspiegel senken. Weinen dient also

wie Urinieren, Defäkieren, Ausatmen, Menstruieren und Schwitzen dazu, Abfallprodukte

aus dem Körper auszuscheiden und ist damit physiologisch genauso für unsere Gesundheit

wichtig. In zahlreichen Untersuchungen hat man einen Zusammenhang zwischen

Weinen und körperlicher Gesundheit festgestellt. Menschen, die häufiger weinen, eine positive

Einstellung zum Weinen haben, ihren Gefühlen von Zorn, Angst, Depression, Schuld

ungehemmt Ausdruck verleihen, leben länger und freier von Symptomen und Krankheiten,

als jene, die ihre schmerzlichen Gefühle leugnen oder unterdrücken. Es ist zum Beispiel

dokumentiert, dass asthmatische Symptome nachließen und Hautausschläge verschwanden,

sobald Patienten anfingen zu weinen. Weinen ist aber kein Allheilmittel und kann eine

angemessene medizinische Behandlung nicht ersetzen, sondern nur unterstützen.

Die psychischen Vorzüge des Weinens

1. Weinen stärkt die emotionale Gesundheit

2. Die Akzeptanz des Weinens begünstigt eine gesunde Eltern-Kind-Bindung

3. Die Akzeptanz des Weinens stärkt das Selbstwertgefühl des Kindes

4. Kinder, die genug weinen, sind einfacher im Umgang

5. Kinder, die weinen, wenn es notwendig ist, lernen besser

1. Weinen ist also ein natürlicher Prozess, der den Körper wieder ins Gleichgewicht bringt.

Alice Miller schreibt über emotionale Störungen wie Neurosen: „Nicht das Trauma selbst

ist die Quelle der Krankheit, sondern die unbewusste, unterdrückte, hoffnungslose Verzweiflung

darüber, nicht ausdrücken zu dürfen, was man gelitten hat.“ Manchmal reagieren

Erwachsene unangemessen auf bestimmte Situationen, weil sie die Gegenwart nicht von

der Vergangenheit trennen können (zum Beispiel ein Mann wird beim häufigen Zuspätkommen

seiner Frau übertrieben zornig, weil sie ihn an seine alkoholkranke Mutter erinnert,

die in betrunkenem Zustand unzuverlässig war). Psychologen nennen dieses Phänomen

die „Generalisierung einer konditionierten emotionalen Reaktion“: Alles, was eine

Person an eine frühere Stresssituation erinnert, löst eine Stressreaktion aus, selbst wenn

die neue Situation vollkommen harmlos ist. Die Löschung dieser konditionierten Reaktion

kann durch Weinen und Wüten beträchtlich beschleunigt werden. Haben Kinder Gelegenheit,

nach Angst einflößenden oder frustrierenden Erfahrungen zu weinen oder zu wüten,

wird die Stressreaktion später nicht mehr automatisch durch vergleichbare Situationen

ausgelöst. Der physiologische Prozess des Weinens in einem sicheren Umfeld scheint

dem Gehirn zu vermitteln, dass die Bedrohung überwunden wurde. Weinen trägt dazu bei,

die Konditionierung der Stressreaktion zu löschen. Ein Kind, das sich (in den sicheren Armen

seiner Mutter) über einen bellenden Hund ausgeweint hat, wird anderen Hunden vielleicht

mit Vorsicht begegnen, aber es wird beim Anblick eines Hundes nicht mehr sofort in

Panik geraten. Ein Mann, der in der Therapie über seine alkoholkranke Mutter weinen und

seinen Zorn über sie ausdrücken kann, reagiert vielleicht immer noch gereizt, wenn seine

Frau zu spät kommt, aber er wird keinen Wutanfall mehr bekommen. Es ist erwiesen, dass

Menschen, die in ihrer Kindheit schon bald nach traumatischen Erfahrungen über das Erlebte

weinen können, emotional gesünder sind und weniger Probleme in ihren Beziehungen

haben.

2. Forscher weisen daraufhin, dass Kinder schmerzliche Gefühle verdrängen, wenn ihnen

das Weinen verboten wird. Reagieren Eltern während des ersten Lebensjahres nicht auf

das Weinen ihres Babys, kann das Kind ein gestörtes Bindungsverhalten entwickeln. Vielleicht

wird es aggressiv gegenüber den Eltern oder überm..ig fordernd und klammernd.

Einige Kinder scheinen selbstgenügsam, verweigern Nähe oder zeigen kaum Zuneigung.

Selbst wenn Eltern ein weinendes Kind nicht offen zurückweisen, empfindet das Kind jeden

Versuch, es vom Weinen abzulenken, als emotionales Verlassenwerden. Kinder brauchen

Eltern, die zuhören, wenn sie ihrer Trauer, Wut und Angst Ausdruck verleihen. Wird

Kindern erlaubt, derartige Gefühle von Geburt an offen auszuleben, machen sie die Erfahrung,

dass sie schmerzliche Gefühle nicht unterdrücken müssen und bedingungslos geliebt

werden. Werden die schmerzlichen Gefühle eines Kindes voll akzeptiert, kann es also

ein gesünderes Bindungsverhalten entwickeln. Babys, die in den Armen ihrer Eltern weinen

dürfen, wachsen mit dem Gefühl auf, verstanden und angenommen zu werden. Symptome

wie exzessives Klammern, Quengeln, Aggressivität oder Abneigung gegen Nähe,

die auf ein instabiles Bindungsverhalten verweisen, verschwinden oft, wenn Eltern in der

Lage sind, zu Hause eine Atmosphäre von emotionaler Sicherheit zu schaffen und das

Weinen des Kindes zu akzeptieren.

3. Werden Kinder nur dann geliebt und bestätigt, wenn sie lächeln und glücklich sind, lernen

sie einen Teil ihres Selbst zu verleugnen und zu unterdrücken, um den Erwachsenen

zu gefallen. Schließlich gewinnen sie den Eindruck, dass ihre innersten Gefühle nicht akzeptabel

seien, nicht einmal für sie selbst. Deshalb können Kinder kein stabiles Selbstwertgefühl

entwickeln, wenn ihre Gefühle und deren emotionaler Ausdruck nicht voll anerkannt

werden.

4. Ausgiebiges Weinen oder ein Wutanfall sind als solche nicht angenehm. Tatsächlich

kann es ziemlich schwierig und emotional anstrengend sein, einen solchen Ausbruch mit

einem Kind zusammen durchzustehen. Doch ein Kind, das intensiv geweint hat oder einen

Wutanfall hatte, ist anschließend meist glücklich, entspannt, kooperativ, anspruchslos,

friedlich und selbstgenügsam. Die Verwandlung ist manchmal erstaunlich: Aus einem fordernden,

weinerlichen, gelangweilten, launischen, klammernden, aufsässigen oder aggressiven

Kind wird plötzlich ein unbeschwertes Kind, mit dem das Zusammensein eine

wahre Freude ist. Babys, die in den Armen ihrer Eltern weinen, wenn sie es brauchen, sind

weniger fordernd und schlafen nachts besser. Das verschafft den Eltern die selbst benötigte

Ruhe.

5. Alle Kinder werden mit einem enormen intellektuellen Potential geboren. Leider wird

dieses Potential bei vielen Kindern teilweise dadurch beeinträchtigt, dass sie Schmerz,

Verwirrung, Frustration oder Angst erleben und diese Gefühle nicht durch die Heilungsmechanismen

Weinen und Wüten verarbeiten und abbauen können. Diese Gefährdung der

Intelligenz beruht zum Teil darauf, dass das Kind von schmerzlichen Gefühlen in Anspruch

genommen ist, was seine Fähigkeit, sich zu konzentrieren und zu lernen, beeinträchtigt.

Kinder, deren Bedürfnis nach dem Ausdruck ihrer Gefühle erkannt und akzeptiert wird, lernen

mit mehr Begeisterung und Erfolg. Wird Kindern nicht erlaubt über Frustrationen zu

weinen, die direkt mit Lernsituationen verbunden sind, können diese Frustrationen ihr weiteres

Lernverhalten beeinträchtigen. Kinder, denen man erlaubt über Frustrationen zu

weinen und zu wüten, wann immer diese in der Kindheit auftreten, so dass die Stressreaktion

unmittelbar danach vollständig abgeschlossen ist, begegnen neuen Lernerfahrungen

aufgeschlossener und ohne darauf emotional unangemessen zu reagieren.

In der Kindertherapie wird Weinen als ein wichtiger Teil des Heilungsprozesses betrachtet.

Dazu braucht ein Kind das Vertrauen, dass es für sein Weinen nicht getadelt wird.

Bei der Birth-Simulating-Massage, bei der mit Hilfe von Berührung und Druck auf den Körper

des Babys gleiche Gefühle wie bei der Geburt ausgelöst werden, weinen Säuglinge

heilsame Tränen und überwinden so das Trauma ihrer Geburt.

Bei der Festhaltetherapie wehren sich Kinder zunächst gegen diese Nähe und durchlaufen

im typischen Falle eine Phase, in der sie heftig weinen, wüten und kämpfen, um sich zu

befreien. Allmählich akzeptieren sie dann das Gehaltenwerden, entspannen sich, kuscheln

sich manchmal sogar liebevoll in die Arme der Bezugsperson und wollen noch länger in

ihren Armen verweilen. Das Gehaltenwerden ermöglicht dem Kind anscheinend, sich sicher

genug zu fühlen, um die Ansammlung schmerzlicher Gefühle aus einer früheren

traumatischen Erfahrung oder einfach aus überm..igem Stress erneut zu durchleben und

sich davon zu entlasten. Je früher Kinder ein traumatisches Ereignis durch Weinen verarbeiten,

desto besser. Wenn Kinder eine traumatische Erfahrung gemacht haben, suchen

sie manchmal irgendwelche Auslöser oder Vorwände, um heftig weinen zu können, z. B.

kann ein Kind noch Wochen nach einem Krankenhausaufenthalt ungewöhnlich heftig über

Kratzer und kleinere Verletzungen weinen. Wenn Kinder sich sicher genug fühlen, können

sie sich von ihren traumatischen Erlebnissen heilen.

Die Festhaltetherapie hilft auch bei manchen Formen des Autismus, bei (schweren) Bindungsstörungen

und bei hyperaktiven Kindern in Zeiten, in denen ihr hektisches Verhalten

außer Kontrolle gerät. Ablenkbarkeit, Impulsivität und Hyperaktivität bei Kindern, können

durch ein Übermaß an Stress verursacht werden, zum Beispiel durch eine häusliche

Stresssituation. Hyperaktive Kinder neigen zu Wutanfällen, die als gesunder Versuch gelten

können, Stress abzubauen. Leider werden solche Wutanfälle oft als Teil des Problems

und nicht als wichtiger Heilungsmechanismus interpretiert. Da Weinen auch eine Veränderung

in der Hormonkonzentration und bei den Neurotransmittern bewirkt, könnte man Kindern

auch erlauben, ihr chemisches Gleichgewicht durch die natürlichen Prozesse von

Weinen und Wüten wiederherzustellen, bevor man zu Medikamenten greift.

Eltern erinnern sich an ihr kindliches Weinen – Wie das Weinen unterdrückt wird

S. 55: Weil Erwachsene oft nicht wissen, wie wichtig Weinen und Wüten sind, halten sie

ihre Kinder davon ab und unterdrücken diese Heilungsmechanismen. Nur wenige Erwachsene

durften als Kinder so viel weinen, wie sie es eigentlich gebraucht hätten. Eltern versuchen

oft das Weinen zu unterdrücken, weil es ihren eigenen verdrängten Stress und ihr

Bedürfnis zu weinen wieder ins Bewusstsein ruft. Diese Unterdrückung des Weinens wird

von Generation zu Generation weitergegeben. Manche Eltern ignorieren weinende Kinder,

weil sie fürchten, deren Verhalten zu „verstärken“, wenn sie ihm Beachtung schenken

würden. Manche Eltern versuchen ihre Kinder von ihren Gefühlen abzulenken, indem sie

ihnen etwas zeigen oder Spiele vorschlagen. Manchmal möchten Eltern die Kinder auch

zum Lachen bringen. Obwohl Lachen eine heilsame Wirkung haben kann, kann es das

Bedürfnis zu weinen nicht ersetzen. Weinenden Kindern sollte erlaubt sein, so lange zu

weinen, bis sie es nicht mehr brauchen. Der Versuch, Weinen in Lachen umzuwandeln, ist

respektlos, weil wir die Botschaft vermitteln, dass Weinen schlecht ist und außerdem die

Gefühle des Kindes herabspielen. Auch Nahrung kann eine Form von Ablenkung sein („Iss

etwas, dann geht es dir gleich besser!“). Manche Kinder werden auch von Erwachsenen

oder anderen Kindern für ihr Weinen verspottet („Sei doch nicht so eine Heulsuse!“) oder

ihr Schmerz wird heruntergespielt oder verharmlost („Ist doch nicht so schlimm.“, „Es gibt

überhaupt keinen Grund, warum du Angst haben müsstest.“, „Es lohnt sich doch gar nicht,

darüber zu weinen.“ etc.) Manche Eltern ertappen sich bei den gleichen Redensarten, die

ihre Eltern gebrauchten, wenn sie als Kind weinten („Wenn du nicht sofort aufhörst, gebe

ich dir einen Grund zu weinen!“).

Solche Reaktionen halten Kinder nicht nur vom Weinen ab, sondern vermitteln ihnen auch

das Gefühl, nicht verstanden zu werden und allein mit ihrem Schmerz zu sein, der für sie

sehr real vorhanden ist.

Der Biochemiker William Frey vermutet, die Tatsache, dass Männer weniger weinen als

Frauen, trage zu der höheren Rate stressbedingter Krankheiten (wie Herzinfarkte und

Schlaganfälle) bei Männern und zu der im Durchschnitt höheren Lebenserwartung von

Frauen bei. Da das Weinen bei den meisten Menschen schon sehr früh im Leben unterdrückt

wurde, haben sie gelernt, ihre Gefühle mit Hilfe bestimmter Verhaltensweisen zurückzuhalten,

die als „Kontrollmuster“ bezeichnet werden. Diese Gewohnheiten dienen

dem Zweck, sich selbst vor emotionalem Schmerz zu schützen und vom Weinen abzuhalten.

Kontrollmuster nehmen oft die Form von Süchten an (Tabak, Alkohol, Koffein, Drogen,

Psychofarmaka, …). Auch überm..iges Essen kann ein Kontrollmuster sein. Eine weitere

Methode, Gefühle zurückzuhalten, sind chronische Muskelverspannungen. Diese wiederum

können eine der Ursachen für Kopfschmerzen und zahlreiche weitere Beschwerden

sein. Manche Menschen halten ihre Gefühle durch Geschäftigkeit und Aktivität in Schach,

während sich andere mit Fernsehen ablenken. Kontrollmuster behindern den Ausdruck

starker Gefühle. Es ist aber absolut verständlich, dass wir Zuflucht zu solchen Unterdrückungsmechanismen

nehmen, denn auch unsere Eltern haben unsere heftigen Gefühle

nicht akzeptiert.

Teil II: Wenn Babys weinen

Babys weinen im Durchschnitt anderthalb bis zwei Stunden täglich – ohne ersichtlichen

Grund. Herkömmliche Erklärungsversuche – Bauchschmerzen bzw. Blähungen, Abwehrreaktionen

gegen bestimmte Nahrungsmittel und Zahnen – sind unzureichend und nicht

wissenschaftlich belegt. Die primäre Funktion des Weinens besteht darin, Bedürfnisse und

Unbehagen mitzuteilen – die Bezugsperson muss herausfinden was der Säugling braucht

und dieses Bedürfnis so schnell wie möglich erfüllen. Die zweite wichtige Funktion des

Weinens bei Babys ist die Stressminderung. Durch das Weinen können Babys Spannungen

abbauen, die auf körperlichen oder emotionalen Stress zurückzuführen sind.

Ursachen für Stress bei Babys

1. Traumen vor und während der Geburt (Probleme, Komplikationen)

2. Unbefriedigtes Bedürfnis nach Berührung und Gehaltenwerden

3. Reizüberflutung (Straßenlärm, Telefon, Fernseher, Staubsauger, …)

4. Entwicklungsbedingte Frustrationen (beim Erlernen neuer Fähigkeiten)

5. Körperlicher Schmerz (längeres Weinen oder dringenderer Unterton)

6. Beängstigende Erlebnisse

Weinende Babys sollte man niemals alleine lassen (früher warnte man Eltern, sie würden

ihr Kind „verwöhnen“), aber auch nicht durch Brust, Flasche, Schnuller, rhythmische Bewegungen,

beruhigende Töne oder anderes vom Weinen abhalten. Das bringt nur wenig,

denn wenn die Ablenkung vorbei ist, wird das Baby weiter weinen müssen. Wenn ich mich

meinem Baby, das Stress durch Weinen abbauen muss, aufmerksam zuwende und sein

Weinen akzeptiere, fühlt sich das Baby sicher und geliebt. Ich mache es mir bequem, halte

es dabei ruhig auf dem Arm (waagrecht!) und schaue ihm in die Augen. Meine innere Haltung:

„Es ist in Ordnung, wenn du weinst.“ Ich kann auch ansprechen, was ich vermute:

„Hattest du einen schweren Tag? Haben wir heute zu viel unternommen?“ Ich halte das

Baby solange, bis es zu weinen aufhört.

Babys, die vom Weinen abgehalten werden, lernen schließlich, ihr eigenes Weinen durch

Kontrollmuster zu unterdrücken. Die häufigsten Kontrollmuster sind am Daumen oder

Schnuller lutschen, Brust oder Fläschchen zu fordern, ohne hungrig zu sein, das Klammern

an ein bestimmtes Objekt, zum Beispiel Decke oder Teddy oder die ständige Forderung

nach Unterhaltung. Der angesammelte Stress wird dadurch aber nicht abgebaut.

Psychischer Schmerz oder Angst wird abgespaltet, aber nicht verarbeitet. Wenn die Erwachsenen

nicht imstande sind, starke Emotionen aufmerksam anzunehmen, fühlen sich

Babys nicht ganz gesehen oder gehört und entwickeln Ersatzbindungen. Diese verhindern

jedoch wirkliche Nähe und eine gesunde emotionale Entwicklung. Zu häufiges Saugen an

der Brust zum Beispiel kann der Anfang der chronischen Gewohnheit sein, immer dann zu

essen, wenn man ärgerlich, frustriert oder depressiv ist. Bereits in den ersten Wochen

kann so Essen zu einem Weg werden, die eigenen starken Gefühle zu unterdrücken. Auch

rhythmische Bewegungen sind als Beruhigungsmethode ungeeignet. Stimulation durch

Bewegung ist zwar wichtig fürs Baby, aber (wie bei sämtlichen Formen der Stimulation),

wenn das Baby glücklich, wach und bereit für diese Anregungen ist und nicht, wenn es

sich traurig, ängstlich oder frustriert fühlt. Babys, die Schnuller, Daumen oder andere „Sicherheitsobjekte“

verwenden, scheinen ganz zufrieden zu sein, sammeln aber ihre aufgestauten

Emotionen, die auf Stress beruhen, an.

Bei Schlafproblemen in der Nacht ist die Frage hilfreich: „Wie schläft Ihr Baby meistens

ein?“ Darauf wird fast immer irgendein Beruhigungsmechanismus genannt (meist stillen

oder wiegen). Die Lösung besteht darin, das Baby zur Schlafenszeit nicht mehr vom Weinen

abzuhalten. Wenn sich das Kind durch Schreien in den Armen eines Erwachsenen

entspannen kann, wird es schon bald nachts länger durchschlafen, ohne aufzuwachen.

Wenn Stillen zur Beruhigungsmethode geworden ist, sollte eine Mutter das Baby beim

Weinen nicht in der typischen Stillhaltung halten oder das Baby beim Vater oder einer anderen

Person weinen lassen. Manche Babys weinen viel besser bei ihren Vätern als bei

ihren Müttern, weil sie mit dem mütterlichen Körper verbinden, gestillt zu werden. Das bedeutet

aber nicht, dass diese Babys ihren Vater ablehnen oder ihre Mütter brauchen. Im

Gegenteil, es ist ein Zeichen, dass sie sich mit ihrem Vater so sicher und frei fühlen, dass

sie sich von ihren negativen Gefühlen entlasten können.

Teil III: Wenn Kinder weinen und wüten (1 – 8 Jahre)

Weinen hilft Menschen jeden Alters ihren Stress abzubauen. Wenn Kinder anfangen,

Wünsche mit Worten zu artikulieren, wird die Kommunikationsfunktion des Weinens allmählich

durch Sprache ersetzt. Die Stressbewältigungsfunktion des Weinens jedoch, wird

nicht von der Sprache abgelöst, sondern bleibt das ganze Leben lang von Bedeutung. Ist

die Sprache erst einmal voll entwickelt, dient jedes Weinen eher dem Stressabbau als der

Kommunikation.

Auch wenn Kinder älter sind, ist es wichtig, belastende Situationen – wenn möglich – abzustellen.

Es genügt nicht, ein Kind in meinen Armen weinen zu lassen, das immer wieder

von seinem älteren Geschwister geärgert wird. Wenn ich aber das Möglichste getan habe,

um den Auslöser für den Stress meines Kindes zu beseitigen, dann höre ich dem Weinen

in einer schmerzlichen Situation zu und akzeptiere es. Kinder brauchen unsere liebevolle

Präsenz und Zuwendung, wenn sie weinen, denn sie müssen wissen, dass sie geliebt

werden, ganz gleich, was sie fühlen. Sie dürfen ihre schmerzlichen Gefühle ausdrücken

ohne abgelehnt zu werden und sie müssen wissen, dass jemand sie versteht und Anteil

nimmt. Wenn zum Beispiel ein Kind über eine zerbrochene Muschel weint, sollten wir der

Versuchung widerstehen zu trösten: „Sei nicht traurig, wir gehen nochmals zum Strand

und finden eine neue“ sondern: „Du bist ganz traurig, weil die schöne Muschel kaputt ist.“

Das Bedürfnis zu weinen baut sich allmählich auf, bis der Drang nach Entlastung so stark

ist, dass fast alles Tränen auslösen kann. Der Ausbruch scheint dann durch die augenblickliche

Situation oft völlig ungerechtfertigt. Manche Eltern glauben, Kinder wollten sie

mit Weinen oder Wutanfällen manipulieren und sie glauben, sie hätten nur zwei Möglichkeiten:

entweder „nachzugeben“ und dem Kind alles zu erlauben, oder sie dazu zu bringen

mit dem inakzeptablen Weinen und Wüten aufzuhören. Wenn Erwachsene verstehen,

dass das Weinen ein echtes Bedürfnis ist, können sie den Ausbruch als notwendige Entlastung

von aufgestauten Gefühlen akzeptieren. Das Leben wird viel leichter, wenn die Eltern

weinender und wütender Kinder erkennen, dass es kein augenblickliches Problem

gibt und sie nichts anderes tun müssen, als bei ihrem Kind zu sein.

Wenn Erwachsene „nachgeben“, nachdem ein Kind lange gejammert und gebettelt hat,

hindern sie es daran, sich einmal richtig auszuweinen und von seinem Stress zu befreien.

Die Folge von nachsichtigem Verhalten ist meistens, dass das Kind immer fordernder wird

und das Zusammenleben mit ihm immer schwieriger wird. Und zwar nicht, weil man ihm

zu viel gegeben hätte, sondern weil es nie Gelegenheit hatte, seine aufgestauten Gefühle

durch Weinen und Wüten abzubauen. Dieses Kind wird schon bald neue Gründe finden,

um zu weinen und zu betteln, und das wird immer so weitergehen, bis ihm erlaubt wird,

ungehindert zu weinen. Das ist der Grundmechanismus, der bewirkt, dass Nachgiebigkeit

Kinder ständig fordern und aufsässig werden lässt.

Wirkliche Bedürfnisse sollten erfüllt werden, aber wenn die Forderungen eines Kindes unvernünftig

werden, hat es vermutlich das Bedürfnis sich von aufgestauten Gefühlen zu entlasten.

Wenn ein Kind wiederholt versucht mich zu „testen“, dann oft deshalb, weil es Vorwände

zum Weinen und Wüten sucht. Immer wenn Kinder auf Verhaltensweisen beharren,

die, wie sie wissen, nicht erlaubt sind, oder wiederholt Dinge fordern, die sie auch sonst

nie bekommen, ist es hilfreich, sich folgende Frage zu stellen: Sucht dieses Kind feste

Grenzen, damit es einen Vorwand hat, um zu weinen und auf diesem Wege seinen Stress

loszuwerden?

Ausbrüche meines Kindes können sich auch gegen mich richten, denn Kinder sind nicht in

der Lage zu sagen: „Mutti, ich hatte heute einen Streit mit meiner Freundin und sie hat zu

mir gesagt ,du bist blöd’. Das hat mich verletzt. Ist es in Ordnung, wenn ich darüber weine

und die Worte wiederhole, die sie benutzt hat?“ Statt dessen reagiert das Kind mir gegenüber

mit diesen Worten. Auch durch ein banales Missgeschick, wie zum Beispiel das Verschütten

eines Saftes, entladen sich Gefühle, die sich den ganzen Morgen in Schule, Kindergarten

oder Tagesstätte angesammelt haben. Am hilfreichsten ist es, das Weinen zu

erlauben, auch wenn das von Seiten der Erzieher oder Lehrer enorm viel Geduld erfordern

mag. Der Vorwand, den Kinder wählen, um zu weinen, hat meistens nichts mit dem wirklich

zugrunde liegenden Thema zu tun. Es ist wichtig, dass Kinder niemals das Gefühl bekommen,

für ihr Weinen oder Wüten bestraft zu werden.

Bei Verletzungen ist nachgewiesen, dass sich Menschen schneller von Schmerzen erholen,

wenn sie ihre Aufmerksamkeit darauf richten, statt zu versuchen, den Schmerz zu unterdrücken

oder sich mit anderen Gedanken abzulenken. Kinder wissen instinktiv, wie

wichtig es ist, Schmerz nicht zu verleugnen. Nach einer Verletzung sollten wir Kinder nicht

dazu bewegen zu reden, statt zu weinen. Schenken Sie Ihrem Kind Ihre ganze Aufmerksamkeit

und ermutigen Sie es zum Weinen. „Das tut wirklich weh, nicht wahr?“ oder: „Es

ist in Ordnung zu weinen.“

Quengeln ist meistens ein Zeichen dafür, dass das Bedürfnis zu weinen nicht erfüllt wurde.

Quengeln ist der – nicht erfolgreiche – Versuch zu weinen. Manche Eltern finden das

Quengeln irritierender als ein ungehemmtes Weinen, vor allem, wenn es den ganzen Tag

anhält.

Wenn Kinder ihre Eltern, Geschwister, Mitschüler oder sich selbst schlagen, versuchen sie

sich von heftigen Emotionen zu befreien. Wenn wir das Kind durch ein entschiedenes

„Nein!“ stoppen und es anschließend halten, kann das eine wirkungsvolle Methode sein,

Grenzen zu setzen und dem Kind einen Rahmen zu bieten, in dem es weinen und wüten

und seine Aggressionen auf harmlose Weise herauslassen kann. Gelegentlich kann es

notwendig sein, die Arme des Kindes festzuhalten, wenn es nach mir schlagen will, nach

seinem Kinn zu greifen, wenn es mich beißen will, oder mit meinen Fü.en seine Beine

nach unten zu drücken, wenn es versucht mich zu treten. Wenn ich dies in einer liebevollen

Haltung mache, ist es eine sehr nützliche und wirkungsvolle Alternative zur Bestrafung.

Ich setze dem aggressiven Verhalten Grenzen, ohne dem Kind Schaden zuzufügen. So

wird echte Heilung möglich. Ein eifersüchtiges Geschwister, zum Beispiel das andere geschlagen

oder gebissen hat, überwindet seine Angst, die Liebe der Eltern zu verlieren, am

besten, wenn es sich in ihrer sicheren Umarmung ausweinen kann. Kinder, die Gewalt

ausüben, leiden immer an schmerzlichen Gefühlen. Es ist wichtig zu wissen, dass Kinder

unsere Liebe und Aufmerksamkeit am meisten dann brauchen, wenn sie es durch ihr Verhalten

scheinbar am wenigsten verdienen.

Manchen Erwachsenen widerstrebt es, ein Kind so festzuhalten, weil sie das Gefühl haben,

das Kind zu unterdrücken, wenn sie es gegen seinen Willen halten. Aber dieselben

Eltern zögern oft nicht, ein Kind gegen seinen Willen auf sein Zimmer zu schicken („timeout“).

Das zeigt vielleicht eine kurzfristige Wirkung, das zugrundeliegende Problem wird

dadurch jedoch nur verstärkt, denn das Kind fühlt sich allein gelassen, missverstanden

und nicht geliebt. Liebevolles Halten ist empfehlenswerter als Isolation oder Entzug von

Aufmerksamkeit, denn Kinder erleben dies als Form von Strafe. Sie fühlen sich zwangsläufig,

als hätten sie etwas falsch gemacht, als wären sie „schlecht“, wenn sie weinen oder

wüten. Dieser Entzug von Liebe und Aufmerksamkeit zu einer Zeit, wo sie genau das am

meisten bräuchten, schwächt ihre Selbstachtung, denn ein Teil von ihnen – das Bedürfnis,

sich von starken Emotionen zu entlasten – wird abgelehnt. Kinder brauchen bedingungslose

Akzeptanz und nicht irgendeine Aufmerksamkeit, die davon abhängt, wie sie sich gerade

fühlen.

Wenn Lehrer und Erzieher gewalttätige Kinder halten möchten, ist es empfehlenswert, die

Eltern um Erlaubnis zu bitten, wie für jede andere Form des Disziplinierens auch. Lehrer

und Erzieher können eine entscheidende Rolle in Krisen spielen, zum Beispiel bei der

Scheidung von Eltern. Kinder weinen immer dann, wenn sie sich emotional sicher genug

fühlen. Fühlen sie sich zu Hause sicher, werden sie meistens dort weinen. Wenn sie jedoch

zu Hause für ihr Weinen bestraft oder dabei ignoriert werden oder die Eltern selbst

die Hauptursache für ihren Schmerz sind, werden Kinder versuchen, bei anderen Bezugspersonen

zu weinen. Immer wenn ein Kind bei Ihnen weint, ob sie nun Vater oder Mutter

oder ein anderer betreuender Erwachsener sind, können Sie sich geehrt fühlen, denn das

Kind hat so viel Vertrauen zu Ihnen, dass es sich in Ihrer Gegenwart von Gefühlen entlastet.

Das zeugt von Ihrer Aufmerksamkeit und liebevollen Anteilnahme.

Sehr häufig müssen Kinder weinen, bevor sie sich entspannen und einschlafen können.

Dieses Weinen am Abend ermöglicht Kindern, aufgestaute Spannungen abzubauen. Kinder,

die genügend geweint haben, schlafen schneller ein und schlafen nachts besser.

Teil IV: Praktische Anwendungen

Das Zusammenleben mit Kindern, die genug geweint haben, ist jedoch auch nicht unbedingt

einfach, denn sie sind weder passiv noch unterwürfig. Im Gegenteil, sie wissen sehr

genau was sie brauchen und können sehr beharrlich auf die Erfüllung ihrer Bedürfnisse

dringen. Darüberhinaus sind alle Kinder bis zum Alter von sieben, acht Jahren etwas egozentrisch,

weil sie die Sichtweise anderer nicht so leicht verstehen können. Emotional gesunde

Kinder sind äußerst empfindsam und haben intensive Gefühle, sowohl positive als

auch negative. Sie weinen und wüten, wenn sie es brauchen, weil sie verletzt wurden,

Angst haben, frustriert sind oder einen anstrengenden Tag hatten. Nach dem Weinen sind

sie wieder glücklich und wach.

Wie kann ich eine Umgebung emotionaler Sicherheit schaffen, damit sich Kinder von ihren

aufgestauten Gefühlen befreien?

1) Schenken Sie Ihren Kindern viel körperliche Nähe.

2) Schenken Sie Kindern regelmäßig Ihre ungeteilte Aufmerksamkeit – in dieser Zeit darf

das Kind entscheiden, welche Aktivität es mit Ihnen durchführt – Kinder wissen, was sie

brauchen, um zu heilen, z. B. Versteckenspielen bei Trennungsangst.

3) Hören Sie Kindern respektvoll zu, wenn sie sprechen. Akzeptieren Sie die Gefühle ihrer

Kinder. Sagen Sie ihnen nie, sie sollten anders fühlen, als sie fühlen. Vermeiden Sie es,

gute Ratschläge zu geben.

4) Bleiben Sie dem Kind nahe und schenken Sie ihm Ihre Aufmerksamkeit, wenn es weint

oder wütet.

5) Benutzen Sie keine autoritären Methoden der Disziplinierung (keine Strafen oder Belohnungen).

6) Geben Sie Kindern korrekte Informationen über das Weinen: „Weinende Kinder sind

sehr traurig (ärgerlich, ängstlich, ….) und das Weinen oder Wüten hilft ihnen, sich besser

zu fühlen.“

7) Teilen Sie Ihre eigenen Gefühle und Bedürfnisse ehrlich mit. Verwenden Sie „Ich-Botschaften“:

„Es regt mich auf, …. Ich mag das nicht, wenn ….. Ich hasse Krümel im Bett!“

8) Gehen Sie verantwortungsbewusst mit Ihren eigenen starken Gefühlen um. Wenn Kinder

weinen oder wüten, werden bei den Erwachsenen oft eigene starke Gefühle ausgelöst,

deshalb ist es nicht leicht, die Empfehlungen in diesem Buch in die Tat umzusetzen.

Manche Erwachsenen empfinden tiefe Sorge, Mitgefühl oder Kummer, andere fühlen

sich ohnmächtig, schuldig oder inkompetent oder verspüren gewalttätige Impulse,

wenn sie mit einem weinenden Kind zu tun haben. Diese starken Emotionen haben ihren

Ursprung oft in der Kindheit. Die meisten Menschen wurden als Kind vom Weinen

abgehalten. Das bedeutet, die meisten Menschen tragen viele eigene unbewältigte belastende

und traumatische Erfahrungen mit sich herum. Wenn sie ein Kind weinen hören,

kann das die unbewusste Erinnerung an ihren eigenen Kindheitsschmerz auslösen.

Außerdem kann die unbewusste Erinnerung an die Reaktion der eigenen Eltern auf unser

Weinen als Kind wach werden. Wir neigen dazu, ebenso unangemessen zu reagieren,

wie wir es selbst erlebt haben. Es erfordert eine bewusste Anstrengung, es anders

zu machen. Schämen Sie sich nicht darüber, wenn Sie gelegentlich Ärger oder Groll

Ihrem Kind gegenüber verspüren oder den Drang, ihm etwas anzutun, aber versuchen

sie alles, dem nicht nachzugeben.

Die wichtigste Botschaft dieses Buches lautet, dass emotionale Probleme, Verhaltensauffälligkeiten

oder stressbedingte Krankheiten nicht durch den Stress selbst

verursacht werden, sondern durch die Unterdrückung des natürlichen Heilungsmechanismus,

vor allem des Weinens und Wütens, die dem Zweck dienen, das körperliche

und psychologische Gleichgewicht nach belastenden Ereignissen wiederherzustellen.

Selbst in der liebevollsten und positivsten Umgebung verläuft das Leben von Kindern nicht

ohne Stress. Außerdem kann es überall und jederzeit zu unerwarteten traumatischen Ereignissen

kommen. Trotz schwieriger Zeiten und schmerzlicher Erlebnisse können Kinder

sich von Stress und Traumen durch den natürlichen Genesungsprozess heilen, den Tränen

und Wutanfälle darstellen. So wird es ihnen möglich, sich zu emotional gesunden,

wachen und lernbereiten, mitfühlenden, kooperativen und nicht gewalttätigen Persönlichkeiten

zu entwickeln. Wenn wir diesem Prozess vertrauen, können Menschen jeden Alters

geheilt werden. Es ist nie zu spät, um anzufangen.

Literatur zum Thema:

Solter, Aletha: Warum Babys weinen. Die Gefühle von Kleinkindern. München: Kösel, 8.

Auflage, 1998

Solter, Aletha: Wüten, toben, traurig sein. Starke Gefühle bei Kindern. München: Kösel, 6.

Auflage, 1999

Gordon, Thomas: Familienkonferenz, München: Heyne 1989

Entspanntes Baby nach dem Weinen